Kapitel 12 – Ritz Carlton, Potsdamer Platz

In die Hotelbar vom Ritz Carlton zu gehen, gehört mittlerweile bei jedem Berlin-Besuch zum Standard. Nun ja, wenigstens einmal, denn die dortigen Preise erlauben weder große Besäufnisse noch die Mutation zum Stammgast, ohne arm zu werden. Trotzdem – die Bar hat Atmosphäre, ist kuschelig und gemütlich, und die Beschreibung in diesem Kapitel entspricht weitestgehend den tatsächlichen Gegebenheiten vor Ort, dem sogenannten „Curtain Club„. In den letzten Jahren hat sich allerdings ein Wandel vollzogen: die ganz Großen steigen hier inzwischen nicht mehr ab, die sind vermutlich eher im neuen „Waldorf Astoria“ zu finden…

 

Auszug aus Kapitel 12:

Kitty war nicht zum ersten Mal in einem Fünf-Sterne-Hotel, aber bisher bestenfalls, um zu arbeiten. Üppigkeit und Ambiente, das sie bisher immer nur von weitem bewundert hatte. Nun war sie plötzlich Teil davon, als willkommener und hofierter Gast. Gian steuerte auf den hinteren Teil des Eingangsbereichs zu, der mit schweren Vorhängen die Hotel-Bar von der Eingangshalle abschirmte. Stimmengewirr, und von irgendwoher erklang leise Klaviermusik. „Geht schon vor“, sagte Juan zu Kitty und Karolin, „ich muss kurz etwas erledigen.“
„Komm schon“, sagte Karolin und zog Kitty mit. Kitty sah sich um, Juan stand an der Rezeption und sprach mit dem Portier, der sich etwas notierte.
An der Bartheke herrschte beträchtlicher Lärm. James stritt sich gerade mit François herum. „Das kommt überhaupt nicht in Frage!“
„Was ist denn los?“, fragte Gian. Brad saß auf einem Barhocker in der Nähe des Zapfhahns, hatte sich bereits einen großen Schluck Bier genehmigt und wischte sich den Schaum von der Oberlippe. „Fans“, sagte er gelassen und zeigte mit dem Daumen über die Schulter. Kitty sah sich um. An einem der kleinen Tische mit den Plüschsesseln hinter ihnen war es plötzlich still geworden. Es saßen ausnahmslos Frauen dort, die jetzt alle die Köpfe zu ihnen herumgedreht hatten. Hier und da hörte man zwischen der Klaviermusik leises Tuscheln. Juan kam von der Rezeption zurück und machte ein sehr zufriedenes Gesicht. Er sah sie reihum fragend an. „Was ist los?“ Brad trank gerade den nächsten Schluck Bier und zeigte wieder mit dem Daumen hinter sich. Juan musterte die Frauen an den Tischen, von denen einige die Köpfe zusammensteckten und so taten, als würden sie die Gruppe an der Bar gar nicht beachten. „Ich hab schon gesehen“, grinste Juan. Kitty staunte. „Die sitzen in eurem Hotel und hoffen, dass ihr euch mit ihnen anfreundet?“
„Yep“, bestätigte Gian.
„François will eine davon hierhin holen“, sagte James verärgert. „Aber ich kenne sie!“, sagte François und zeigte auf eine junge Frau mit langen blonden Haaren, „wir haben sie in Köln in der Hotelbar getroffen, ich habe ihr meine Handynummer gegeben.“
„Du hast was?!?“, fragte Brad alarmiert und knallte sein leeres Bierglas auf die Theke. „Ist doch egal“, sagte François trotzig, dann deutete er mit dem Kopf zu der Gruppe hinüber, „seht mal, die scheinen Streit zu haben.“ Er sah mitleidig zu der jungen Frau hinüber. Sie saß ein wenig abseits von den anderen und begann verlegen in ihrer Handtasche zu kramen, als sie François in ihre Richtung starren sah. „François, warte!“, rief James, aber François hatte sich schon in Bewegung gesetzt, ging zu ihr hinüber, sprach kurz mit ihr, nahm sie bei der Hand und brachte sie mit an die Bar. Sie hatte vor Aufregung einen hochroten Kopf. „Das ist Steffi“, stellte François sie vor, und sie rückten näher zusammen, um für Steffi Platz zu machen. Juan nutzte die Gelegenheit, den Arm um Kittys Schultern zu legen und sie enger an sich zu ziehen. Kitty lächelte. Es war ein schönes Gefühl, ihn so nahe zu wissen. Kitty musterte die junge Frau, die verlegen von einem Fuß auf den anderen trat und nicht recht wusste, wohin sie sehen sollte. „Was möchtest du trinken, Steffi?“, fragte sie aufmunternd und lächelte sie an. „Ganz egal“, stotterte Steffi und nestelte nervös mit ihrer Handtasche, „irgendetwas …“
„Weißwein?“
„Gerne.“
Juan gab dem Barkeeper bereits ein Zeichen und drehte den Kopf zu Kitty um. „Du auch einen?“, fragte er, und als sie nickte, hielt er zwei Finger hoch. Brad kippte das nächste Bier in einem Zug hinunter, linste zu Steffi hinüber und schüttelte den Kopf. „François ist ein Idiot“, sagte er halblaut zu Juan, „ein Fan. Die Büchse der Pandora. Hoffentlich geht das gut.“

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