Kapitel 26 – Juan in Gefahr

Lufthansa-Maschine nach London

Lufthansa-Maschine nach London

Die Koffer waren aufgegeben. Noch eine halbe Stunde, bis sie an Bord gehen konnten. Juan und Kitty schlenderten Hand in Hand durch die Geschäfte in der Abflugzone. Juan schenkte den Auslagen kaum Beachtung, ein Flughafen war wie der andere. Duty-Free-Shops, Internationale Presse, teure Markenkleidung, Bücher, Reiseutensilien. Er kaufte nur ein Päckchen Kaugummi. Das Kauen half ihm, während des Fluges den Druck auf die Ohren auszugleichen. Auf sein Gehör musste er ebenso achtgeben wie auf seine Stimme. Außerdem würde das Pfefferminzaroma vielleicht den seltsamen Geschmack in seinem Mund vertreiben.
Kitty zeigte auf den Presseshop und ließ seine Hand los. „Ich hole mir noch eine Tageszeitung.“
Juan runzelte die Stirn. „Es gibt im Flugzeug welche.“
„Ja, aber ich will eine Berliner Morgenpost, die hat die Lufthansa nicht“, sagte Kitty, „nun mach doch nicht so ein Gesicht.“
„Ich mache ein Gesicht?“
„Als ob du Magenschmerzen hättest.“
Juan fuhr sich mit dem Handrücken über die Stirn und fühlte Schweißtropfen. Seltsam. Er sah, dass Kitty ihn misstrauisch musterte. „Wieso schwitzt du? So warm ist es doch nicht.“
Juan zuckte nur mit den Achseln und deutete mit dem Kopf auf die Wartezone vor dem Boarding-Schalter. „Ich setze mich da drüben ein bisschen hin.“
„Du hattest wohl gestern doch ein Bier zuviel, oder?“, neckte sie ihn und ging zum Presseshop hinüber.
Juan schleppte sich zu den Sitzreihen. Ihm war elend zumute, hundeelend. Er wollte sich Kitty gegenüber nichts anmerken lassen. Trotz Reisefieber und Stress, den sie vorher gehabt hatten, freute sie sich wie ein kleines Kind auf London.
Juan fühlte sich schwach auf den Beinen, er hatte Schweißausbrüche und ihm war speiübel. Wahrscheinlich hatte er am Abend vorher bei der Party irgendetwas gegessen, was nicht mehr gut war. Vielleicht diese Hackfleisch-Bällchen, Hackfleisch war doch so empfindlich. Juan hatte vor Jahren einmal eine Lebensmittelvergiftung gehabt, das hatte sich genauso angefühlt. Aber Kitty hatte das gleiche gegessen wie er, und ihr ging es gut. Seltsam. Juan ließ sich auf einen der Sitze in der Wartezone fallen, lehnte den Kopf an die Wand und schloss die Augen. Oh, gut. Dann merkte er das Schwindelgefühl nicht mehr so. Einfach so sitzenbleiben können, nirgendwo hin müssen, einfach nur schlafen.
Kitty fand ihre Zeitung und durchstöberte die Neuerscheinungen der Taschenbücher, bevor sie zu Juan zurückkehrte. Er saß zusammengesunken auf einem Sessel in der Wartezone, hatte den Kopf angelehnt und die Augen geschlossen. Als Kitty ihm eine Hand auf die Schulter legte, fuhr er erschrocken zusammen und richtete sich auf. Er war blass und auf seiner Stirn stand wieder Schweiß. „Wir können gleich an Bord“, sagte Kitty mit Blick auf den Schalter, an dem die Flugbegleiter soeben letzte Vorbereitungen zum Boarding trafen. Juan nickte nur stumm.
Kitty legte ihre Zeitung neben ihm auf dem Sitz ab, ging vor ihm in die Hocke und sah ihm besorgt ins Gesicht. Es schien, als könne Juan nur mühsam die Augen offenhalten. „Juan, was ist denn los mir dir? Sollen wir besser nicht fliegen?“
„Natürlich fliegen wir“, sagte Juan, stützte sich auf der Armlehne ab und stand entschlossen auf, „hast du vergessen, dass Ramón in drei Tagen kommt?“ Er schwankte und hielt sich einen Moment an der Sitzbank fest.
„Nein, natürlich nicht“, sagte Kitty zögernd und beobachtete ihn besorgt, „aber wenn du krank bist, solltest du besser nicht in einen Flieger steigen.“ In diesem Moment wurde ihre Maschine zum Boarding aufgerufen.
„Ich bin nicht krank, mir ist nur ein bisschen flau. Es ist nichts“, versicherte Juan, nahm die Zeitung, legte einen Arm um ihre Schultern und sie gingen zum Ausgang.

Das Kapitel, das keinen Platz mehr hatte…

Rückblickend betrachtet, habe ich für mein Buch über den Daumen gepeilt die doppelte Menge von dem geschrieben, was dann tatsächlich veröffentlicht wurde. Mal änderte sich im Laufe des Schreibens die Handlung, und einige Passagen passten nicht mehr und mussten neu geschrieben werden, manchmal fielen ganze Kapitel dem notwendigen Kürzen zum Opfer, weil es der Geschichte einfach gut tat, gestrafft zu werden.

Eines dieser Kapitel ist das unten folgende. Wer „Darling, wir sind hier im Ritz!“ gelesen hat, weiß, dass Juan Kitty in Köln besucht hat, bevor sie zusammen nach London abflogen. Kitty will ihren Juan ihren Eltern vorstellen…

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„Sag mir nochmal, warum wir dorthin fahren.”
Kitty seufzte. „Ich denke, das gehört sich so, meinen Eltern den Mann vorzustellen, den ich heiraten möchte. Erst recht, wenn ich für eine Weile von hier fort ziehe.”
Juan zwinkerte ihr zu. „Was hast du ihnen denn über mich erzählt?”
„Spanier, geschieden, zehn Jahre älter. Aber noch nicht, dass wir heiraten.”
Juan lachte schallend. „Typisch Kitty. Zack, einfach die Fakten ins Gesicht werfen und das Wesentliche weglassen.”
Kitty kicherte. „Es war auch ohne das Wort Heirat schon ein Schock. Fast schade, dass ich am Telefon Muttis Gesicht nicht sehen konnte.”
Juan stand vor dem Spiegel in Kittys Diele, zupfte an seinem Hemdkragen, drehte sich nach rechts und nach links und begutachtete seinen Anzug. „Ich hätte mir doch noch einen kaufen sollen. Der sieht sehr zerknittert aus.”
„Ich habe mich gewundert, dass du ihn überhaupt mitgebracht hast. Ich werde dich meinen Eltern als weitgereisten Mann vorstellen, der darf auch mal zerknitterte Anzüge haben, weil er aus dem Koffer lebt.” Kitty legte von hinten die Hände auf seine Schultern und reckte sich, damit sie sein Gesicht im Spiegel sehen konnte. Juan runzelte die Stirn und Kitty zwinkerte ihm zu. „Aber das Thema Reisen gefällt ihnen sicher.”
„Und wie lange bleiben wir?” Juan drehte sich um und drückte Kitty an sich. Kitty seufzte. So sehr sie den Körperkontakt mit Juan liebte, heute war sie nervös.
„Du wirst sehen, dass ich nach spätestens einer Stunde die Nase voll habe. Und sie werden froh sein, wenn wir wieder gehen. Wahrscheinlich haben wir sowieso ihren sonntäglichen Ablauf durcheinander gebracht.”
Juan öffnete einen weiteren Hemdenknopf und begutachtete sich im Spiegel. „Magst du deine Eltern nicht?”
„Irgendwie mag ich sie wohl. Ich hab ja nur diese Eltern. Aber die Bindung war nie besonders eng. Sagen wir mal, wir haben einige wenige gemeinsame Gesprächsthemen.”
Juan hob die Augenbrauen und warf ihr einen Blick zu. „Das klingt aber nicht gerade besonders herzlich.”
Kitty verschränkte die Arme, während sie am Spiegel lehnte und Juan zusah. „Ich kam erst auf die Welt, als sie schon gar nicht mehr damit gerechnet hatten, Kinder zu bekommen, und irgendwie habe ich jahrelang gestört, glaube ich. Sie waren froh, als ich mit 18 ausgezogen bin, da konnten sie wieder ungestört ihren Hobbys nachgehen.”
„Zum Beispiel?”
„Reisen. Das ist mit einem Kind oder einer Jugendlichen im Schlepptau sehr viel komplizierter. Und natürlich auch teurer.”
„Reisen ist aber doch unglaublich bereichernd. Das ist es ja, was ich an meinem Beruf so liebe, dass ich so viel herumkomme. Auch wenn es mir während der Tour manchmal zuviel wird.”
„Du wirst feststellen, dass meine Eltern sogenannte ‚Ab-hak-Reisende‘ sind.”
Juan runzelte fragend die Stirn. „Ab was?”
„Ab-hak-Reisende. Abhaken. Sie nehmen sich vor, irgendwo hinzufahren, studieren vorher eifrig den Baedeker-Reiseführer, machen eine Liste der Sehenswürdigkeiten, die sie sehen wollen, besuchen sie, haken sie auf der Liste ab, fahren anschließend wieder nach Hause und zeigen ihren Freunden die Fotos.”
Juan runzelte die Stirn. „Du meinst, sie verreisen, um anderen sagen zu können, dass sie da und da auch schon waren?”
„Genau. Sie führen anschließend ihr Leben genauso weiter wie vorher. Sie gewinnen keine neuen Erkenntnisse, sie denken nicht über andere Menschen nach, sie nehmen keine Anregungen mit, sie kochen zu Hause kein Essen nach, das sie im Urlaub gegessen haben, sie lernen keine fremden Sprachen, geschweige denn, dass sie feststellen, dass in anderen Ländern womöglich etwas besser ist als hier.”
„Das verstehe ich nicht“, sagte Juan, „kann man so blind sein?“ Er zog das lose zusammengelegte Stofftaschentuch aus dem Jackett, faltete es auf den Millimeter genau passend und drapierte es in seiner Brusttasche. Er lächelte über Kittys verwunderten Blick. „Weißt du, wie oft ich das schon gemacht habe? 150 Konzerte alleine bei der diesjährigen Tour, in jedem Konzert zweimal umziehen, also dreimal Tuch einstecken. Irgendwann macht man das im Schlaf.“
„Das glaube ich sofort“, sagte Kitty und betrachtete prüfend Juans Hemd, das wie immer am Hals weit offen stand. Er hatte in Südamerika tatsächlich die Zeit gehabt, die eine oder andere Stunde müßig in der Sonne zu sitzen. Und Juan mit seiner dunklen Haut wurde sofort tiefbraun. Aus dem offenen Hemdkragen lugten einige schwarze Brusthaare heraus, das Hemd spannte über seiner breiten Brust. Er sah zum Anbeißen aus. „Keine Krawatte?“
Juan starrte sie finster an. „Wir können uns auf einen geschlossenen Knopf mehr einigen, aber Krawatte? Niemals.“
Kitty lachte. „Keine Sorge, ich habe sowieso keine im Haus.“ Sie sah sich in der Diele um und griff nach ihrer Handtasche. „Haben wir alles?“
Juan zeigte auf ihre Füße. „Schuhe wären gut.“
Kitty streifte sich hastig ihre Stiefel über und griff nach den Autoschlüsseln auf dem Dielenschrank.
„Soll ich fahren?“, fragte Juan.
Kitty schüttelte den Kopf. „Ich kenne diesen Toyota, ich nehme immer denselben Mietwagen.“

Eine halbe Stunde später standen sie vor der Haustür eines typischen niederrheinischen Reihenhauses. Zehn Häuser in einer Reihe, die Eingänge immer ein wenig versetzt, aber alle mit den selben Gehwegplatten. An jeder Haustür hing wegen der nahen Adventszeit ein Kranz aus Tannenzweigen. Unterschiede gab es nur in der Dekoration. Häuser, in denen Familien mit Kindern wohnten, waren an den selbstgebastelten Fensterbildern und Strohsternen an den Türen zu erkennen. Juan sah sich um. Die Häuschen waren recht hübsch, aber gesichtslos. Geradezu perfekt, um ein unauffälliges Leben zu führen.
Kittys Mutter öffnete die Tür, eine kleine, rundliche Frau mit grauen Haaren und grünen Augen. Aha, von ihr hatte Kitty sie geerbt. „Herein, herein mit Euch“, sagte sie und gab beiden nacheinander die Hand.
„Hallo Mutti“, sagte Kitty, zog Juan herein und schloss die Tür.
„Kalt heute, nicht?“, fragte Kittys Mutter und betrachtete Kitty von oben bis unten. „Eine schöne Jacke hast Du an.“ Sie ging zur Treppe neben der Haustür. „Vati, komm doch mal!“, rief sie nach oben. Juan sah die Treppe hinauf, auf der ein grauhaariger Herr in einer Strickjacke erschien und langsam die Stufen hinunter stieg.
„Das geht nicht so schnell“, sagte er, „die Knie, wissen Sie?“ Als er unten angekommen war, gab er Juan die Hand und deutete auf eine Türe weiter hinten. „Bitte kommen Sie herein.“
Kittys Mutter wuselte schon im Wohnzimmer herum und rückte die Servietten und den Kuchen auf dem gedeckten Tisch zurecht. „Der Kaffee ist auch gleich fertig“, sagte sie mit einem nervösen Seitenblick auf Juan, als ob sie einen Wutausbruch befürchtete, weil noch keine Kanne auf dem Tisch stand.
Juan lächelte freundlich. „Danke“, sagte er einfach.
Kitty zog Juan zur Eckbank und sie setzten sich nebeneinander. Juan fühlte Kittys Oberschenkel unter dem Tisch dicht an seinem. Ganz sicher der falsche Zeitpunkt, Lust zu spüren, aber er konnte nichts dagegen machen. Bei jeder Berührung mit ihr hatte er innerhalb von Sekunden das Gefühl, sein Blut finge an zu köcheln. Er warf ihr verstohlen einen Blick zu. Kitty grinste, ohne ihn anzusehen. Ihr ging es genauso.
Kittys Vater setzte sich ans Kopfende und dankte seiner Frau mit einem Kopfnicken, die mit der Kaffeekanne aus der Küche kam und sie auf den Tisch stellte. Sie verteilte Kuchenstücke auf die Teller und forderte sie mit einer Handbewegung auf, anzufangen.
„Sie heißen also Juan Torres“, sagte Kittys Vater und sah Juan stirnrunzelnd an.
„Ja, Señor“, sagte Juan höflich, „genauer Juan Torres Delgado. Delgado ist der Familienname meiner Mutter.“
„Ach, man hat in Spanien immer zwei Namen?“
Kitty verdrehte leicht die Augen. „Das hab ich dir doch am Telefon erklärt, Mutti, der erste Nachname vom Vater, der zweite von der Mutter.“
„Aha. Und wie wirst du dann heißen?“
„Das wird sehr lustig werden“, kicherte Kitty, „in Spanien behalten Frauen ihren Namen, dort heiße ich dann Kitty Sander, in London und Deutschland einfach nur Kitty Torres, und im Beruf werde ich meinen eigenen Namen quasi als Pseudonym behalten.“
Kittys Eltern verzogen keine Miene, und diesmal war Juan kurz davor, die Augen zu verdrehen.
„Wir waren einmal in Spanien“, sagte jetzt Kittys Vater, „das war… warte, das war…“
„1995“, half Kittys Mutter aus und lachte ein wenig, „in Barcelona. Wir sind aber nicht lange geblieben.“
„Warum nicht? Barcelona ist doch sehr schön“, fragte Juan verwundert.
„Ach ja, wissen Sie“, druckste Kittys Mutter herum, „Katharina war damals in diesem schwierigen Alter, sie wollte nur Spaß haben und in die Disko und diese Dinge. Für die Architektur von Gaudi hat sie sich überhaupt nicht interessiert.“
Kitty verzog das Gesicht und wollte etwas sagen, aber ihr Vater kam ihr zuvor. „Katharina hat gesagt, Sie stammen aus Madrid?“
„Ja, Señor.“
„Und zuletzt haben Sie sich in Südamerika aufgehalten?“
„Ja, Señor, ich war beruflich unter anderem in Argentinien.“
„Argentinien? Sind da nicht diese Drogenkriege?“ Kittys Vater runzelte die Stirn. Der Gedanke an ein unruhiges südamerikanisches Land schien ihm nicht zu behagen. „Er spricht erstaunlich gut deutsch“, sagte er zu seiner Frau.
„Vielen Dank, Señor“, sagte Juan.
„Argh!“, sagte Kitty, „Vati, ich hab doch erzählt, dass Juan in Deutschland aufgewachsen ist.“
„Ach ja, richtig, hast du ja, Kind. Und er ist Sänger?“
„Ja, ich bin Sänger“, sagte Juan, der sich ärgerte, dass Kittys Vater ihn nicht selbst fragte, „Bariton.“
Kittys Vater hob die Augenbrauen. „Und davon kann man leben? Oder haben Sie da in Südamerika vielleicht noch andere Geschäfte am Laufen?“ Er musterte missbilligend Juans zerknitterten Anzug, sein offenes Hemd und seine Stirnlocke. „Für eine Krawatte reicht es offenbar nicht“, sagte er und deutete mit der Kuchengabel auf Juans Hemd. „Fehlt nur noch das Goldkettchen.“
„Vati!!!“, rief Kitty empört.
„Ich kann vom Singen alleine so gut leben, dass ich mir erlaubt habe, um Kittys Hand anzuhalten“, sagte Juan ungerührt und in seinem besten Deutsch.
Wie auf Kommando ließen Kittys Eltern ihre Kuchengabeln fallen. „Ihr… ihr wollt heiraten??“, fragte Kittys Mutter mit einem Anflug von Entsetzen. „Also wirklich, Katharina, hast du dir das auch gut überlegt?“
„Hab ich, Mutti“, sagte Kitty, und Juan hörte deutlich, wie gereizt sie war.
„Ja, aber…“, stotterte Kittys Mutter, „wo wollt ihr denn dann wohnen?“
„In London, Mutti. Juan hat dort ein Haus, und ich kann eine Weile für ein kleines Produktionsstudio und dann wieder für den SENDER arbeiten.“
„Ein Haus“, sagte Kittys Vater, „so, so. Gemietet?“
„Nein, es gehört mir“, sagte Juan, „und es ist komplett bezahlt.“
Kittys Vater hob wieder die Augenbrauen. „Wie groß ist es?“
„Knapp 250 Quadratmeter Wohnfläche plus Garage und Garten.“
Juans Antworten kamen wie aus der Pistole geschossen. Offensichtlich hatte er darüber nachgedacht, wie das Gespräch ablaufen würde und sich seine Antworten zurechtgelegt. Kitty legte dankbar unter dem Tisch eine Hand auf sein Bein und streichelte es. Juans Mundwinkel zuckten für einen Moment, aber er sah Kittys Vater weiterhin gerade in die Augen.
„250 Quadratmeter?“, sagte Kittys Mutter staunend, „das ist ja doppelt so groß wie unser Haus hier. Da wirst du eine Menge zum Sauberhalten haben“, sagte sie und drohte Kitty scherzhaft mit dem Finger. „Aber wenigstens ist genug Platz und ein Garten für die Kinder.“
Kinder. Juan und Kitty warfen sich einen Blick zu. Darüber hatten sie noch nicht wieder gesprochen. Nicht konkret. Nur, dass sie irgendwann welche wollten. Juan sah in Kittys Augen, dass sie dieses Thema lieber vermeiden wollte. „Erst einmal wollen wir ein bisschen Zeit für uns selber haben“, sagte Kitty ausweichend, „wir kennen uns ja noch nicht so lange.“
„Ihr solltet nicht zu lange warten, Juan ist ja auch nicht mehr der Jüngste, nicht wahr?“, kicherte Kittys Vater.
Kitty holte tief Luft. „Nicht das Alter ist entscheidend, sondern die Einstellung zu Kindern“, sagte sie scharf, „wenn man sie nur als Störenfriede betrachtet, ist man in jedem Alter zu alt.“
„Na, na“, sagte Kittys Mutter und blickte bekümmert auf dem Tisch herum, „du bist immer noch so frech und widerspenstig.“ Sie lächelte Juan an. „Hoffentlich wissen Sie, worauf Sie sich mit ihr einlassen.“
Juan schmunzelte belustigt. „Keine Sorge, Señora, das weiß ich ganz genau. Und ich freue mich darauf.“ Er fühlte, dass Kitty ihn unter dem Tisch dankbar ins Bein kniff.
Es entstand eine ungemütliche Pause, Kittys Mutter schien verzweifelt nach einem Thema zu suchen. „Ich habe neulich Joachim getroffen”, sagte sie und fixierte Kitty mit ihrem Blick, “er hat sich nach Dir erkundigt.“
„Wie schön“, sagte Kitty ohne jede Begeisterung.
„Er ist übrigens geschieden.“
Juan entging nicht, dass Kittys Mutter einen Seitenblick auf ihn warf und gleichzeitig hoffte, dass er es nicht bemerkt hätte. Am liebsten hätte er gelacht. Er setzte eine strenge Miene auf und wandte sich an Kitty. „Wer ist Joachim? Gibt es da etwas, das ich wissen muss?“
Kitty sah die Belustigung in seinen Augen, aber ihr war weniger zum Lachen als zum Weinen zumute. „Joachim ist ein Schulkamerad von mir. Ich habe ihn seit dem Abitur nicht mehr gesehen. Mutti hat immer behauptet, er wäre der ideale Schwiegersohn, und ich fand ihn todlangweilig.“
Kittys Mutter betrachtete ihre Tochter missbilligend, dann schien ihr etwas einzufallen. „Möchte dein Bekannter vielleicht den Garten sehen?“
Kitty machte den Mund auf, um etwas zu sagen, als Juan schon aufstand. „Sehr gerne“, sagte er höflich. Kitty wusste, dass Juan sich nicht die Bohne für den Garten interessierte. Wahrscheinlich wollte er die Gelegenheit nutzen, frische Luft zu schnappen. Kein Wunder. Leider wollte ihr Vater mitgehen. Er stand erstaunlich beweglich auf und öffnete die Tür zur Terrasse. „Ein Jammer, dass die Rosen schon verblüht sind, Sie hätten im Sommer hier sein müssen.“
Er ging voran und Juan folgte ihm. Kitty hatte den Verdacht, dass Juan draußen einem väterlichen Verhör würde standhalten müssen, ob er denn gut für die Tochter sorgen könnte und ihr immer treu sein würde.
„Wo habt ihr euch denn kennengelernt?“, fragte ihre Mutter neugierig, während Kitty den Hals reckte und versuchte, die beiden Männer auf der Terrasse im Auge zu behalten. Ihr Vater streckte gerade den Arm aus und beschrieb einen großen Kreis, der den ganzen Garten umfasste. Armer Juan, jetzt kam der Vortrag über englische Teerosen.
„Ähm… in Köln. Ich habe Juan in Köln kennengelernt.“ Bloß keine Einzelheiten zu ihrer Mutter. Sie hörte nie richtig zu, verdrehte immer alles und zum Schluss bekamen die Nachbarn eine völlig verdrehte Version erzählt, an der kein Wort mehr stimmte.
„Ah, sicher beim SENDER. Ihr habt ja auch mit Sängern zu tun.“ Ihre Mutter lächelte selbstgefällig. Offensichtlich war sie stolz darauf, dass sie das behalten hatte.
„Ja, so in etwa, Mutti.“ Der ausgestreckte Arm ihres Vaters beschrieb draußen gerade einen weiteren Kreis zur anderen Seite und hätte um ein Haar Juans Kopf getroffen.
Kittys Mutter schüttelte mit dem Kopf und runzelte die Stirn. „Spanier ist dieser Juan? Also, ich hätte ja nie geglaubt, dass du dich mal mit einem Ausländer einlässt. So haben wir dich nicht erzogen.“
Kittys Kopf fuhr herum. „Was soll denn das heißen?!“, fragte sie empört, „mir gefällt dieser Unterton überhaupt nicht, Mutti! Einlassen! Als ob Juan irgendein Gesindel wäre! Ich kann nicht glauben, dass du so etwas sagst oder auch nur denkst!!“
Kittys Mutter machte ein beleidigtes Gesicht. „Schrei mich nicht an, ich bin immerhin deine Mutter. Man wird sich doch noch Sorgen machen dürfen.“
„Mutti, ich bin 30, ich bin erwachsen.“
„Ach“, sagte ihre Mutter herablassend, „Kinder bleiben immer Kinder. Das verstehst du nicht, dafür bist du noch zu jung.“
In Kitty brodelte es. Nie hatte sie sich gegen ihre Mutter zur Wehr setzen können, noch nie. Immer noch fühlte sie sich wie ein kleines Mädchen, das abgekanzelt wurde. Heute war es das erste Mal, dass sie sich gegen die Elternübermacht stark genug fühlte, überhaupt etwas zu sagen. Sie stand auf.
„Ich bin nicht bereit, mir diesen Unsinn länger anzuhören.“ Sie machte Anstalten, in den Garten hinauszugehen, aber gerade kam ihr Vater mit Juan im Schlepptau wieder herein. „…diese Sorte habe ich selbst gezüchtet. In voller Blüte hat sie einen wundervollen Lachston.“
Juan nickte nur, warf Kitty einen verstohlenen Blick zu und steuerte auf seinen Stuhl zu, um sich wieder hinzusetzen.
Ihre Mutter blickte auf dem Tisch herum. „Noch jemand Kaffee?“
Kitty schnaubte durch die Nase und schüttelte den Kopf. „Nein danke, Mutti. Ich glaube, wir gehen besser wieder.“ Juan war stehengeblieben, drehte den Kopf und sah zwischen ihr und ihrer Mutter hin und her.
„Ach, ihr müsst schon wieder los?“, fragte Kittys Mutter, „musst du heute noch arbeiten?“ Sie sah zu Juan auf. „Wissen Sie, Katharina ist nämlich sehr fleißig, sie arbeitet manchmal sogar am Wochenende. Was genau machst du da nochmal?“
Kitty warf ihre Serviette auf den Teller, die sie noch in der Hand hatte. „Weißt du was, Mutti? Ich will Euch nicht damit langweilen, dass ich zum soundsovielten Male erzähle, was ich eigentlich mache. Offenbar habt ihr sowieso nie zugehört. Schaut euch einfach heute Abend um sieben die Sendung an.“
„Ja, sicher“, sagte Kittys Mutter und nickte, „das werden wir tun.“
Juan ging zu Kittys Vater und verabschiedete sich mit einem festen Händedruck. „Auf Wiedersehen“, sagte er mit einer kleinen Verbeugung, „es hat mich gefreut, Sie kennenzulernen.“
„Ich bleibe sitzen, ja? Mein Knie…“
„Ich bring euch raus“, sagte Kittys Mutter und ging Richtung Haustür.

Sie waren die Stufen bis zur Straße noch nicht ganz hinuntergegangen, als sie hinter sich die Haustür schon zufallen hörten. Kitty zog schweigend den Autoschlüssel aus der Tasche, und Juan sah, dass ihre Hand vor unterdrückter Wut zitterte. Er nahm ihr die Schlüssel aus der Hand. „Lass mich fahren. Zumindest das erste Stück. Bis du dich beruhigt hast.“
Juan fuhr dann doch die ganze Strecke nach Köln. Kitty saß auf dem Beifahrersitz und starrte stumm nach draußen. „Eigentlich war es zum Schreien komisch“, kicherte Juan belustigt und warf Kitty einen Seitenblick zu. „Ärgere dich nicht“, sagte er, „ungefähr so hatte ich sie mir vorgestellt.“
„Ach ja?“, sagte Kitty schnippisch und drehte den Kopf zu ihm. „Bin ich ihnen so ähnlich?“
„Das habe ich nicht gemeint, und das weißt du. Nein, es war das, was du vorher über ihre Reisen gesagt hast. Man muss schon sehr spießig sein, um Länder wie Italien oder Spanien einfach an sich abprallen zu lassen. Und so, wie dein Vater mich angesehen hat, scheint er mich für eine Mischung aus Drogenhändler, Zuhälter und Zigeuner zu halten.“
Kitty musste wider Willen lachen. „Goldkettchen“, schnaubte sie belustigt, „auf der Bühne. Zum Smoking. Die Fans würden reihenweise in Ohnmacht fallen.“
„Das tun sie sowieso“, gluckste Juan. Dann wurde er wieder ernst, schwieg einen Moment und warf Kitty einen nachdenklichen Blick zu. „Wie hast du es geschafft, in dieser Umgebung der herzliche Mensch zu werden, der du bist?“
Kitty zuckte mit den Achseln. „Ich weiß es nicht.“
„Denk nach. Wer hat dich getröstet, wenn du Liebeskummer hattest?“
Juan sah, dass Kitty schmunzelte. „Meine Bücher. Und Georg.“
„Georg?“
„Georg und ich sind zusammen zur Schule gegangen.“
„Er war dein Freund? Also, ich meine…“
„Nein, nein“, sagte Kitty schnell, „nur ein guter Freund. Georg ist schwul. Wir haben zusammen studiert und suchten eine Wohnung. Wir haben den Vermietern ein Pärchen vorgespielt, dann war es leichter, eine zu finden. Und diese Wohnung haben wir uns drei Jahre lang geteilt.“
„Und er…“
„Georg war mein ,seelischer Mülleimer‘, so hab ich ihn genannt. Er war immer so lieb, er hat sich meine ganzen Spinnereien und Liebeskummer und alles angehört, und hat mich dabei noch bemuttert und den ganzen Haushalt geschmissen. Wir haben nächtelang über Gott und die Welt geredet. Und er hatte immer Verständnis, war immer mitfühlend und tolerant, obwohl… wenn notwendig, hab ich auch schonmal den sprichwörtlichen Tritt in den Hintern bekommen. Er hat mir übrigens auch den Namen ,Kitty‘ verpasst.“ Kitty lachte leise.
Juan warf ihr einen Seitenblick zu. „Ich glaube, ich weiß jetzt auch, warum du den Namen Katharina nicht magst.“
Kitty lehnte den Kopf an die Scheibe. „Meine Eltern haben sich nicht einmal die Mühe gemacht, nach einem eigenen Namen für mich zu suchen. Ich bin nach einer Tante benannt.“
„Magst Du sie denn?“
Kitty nickte. „Ich mag sie sogar sehr. Wir stehen uns viel näher als meine Mutter und ich. Aber einfach einen Namen aus der Familie zu nehmen, das ist…“
Juan nickte. „In unserer Familie haben wir alle zwei Vornamen. Der erste ist der, der für das Kind ausgesucht wird. Und der zweite üblicherweise vom Vater.“
„Also Juan ist dann Dein eigener Name, und Carlos vom Großvater?“
„Ganz genau.“
Kitty sah wieder zum Fenster hinaus. Juan sprach immer sehr liebevoll von seiner Familie. Er hatte ein ganz anderes Nest gehabt als sie. Vielleicht konnte man überhaupt nur so seine Fähigkeiten entfalten, indem man schon von Kindesbeinen an akzeptiert, geliebt und gefördert wurde.
Juan unterbrach ihre Gedanken. „Und wo ist Georg jetzt?“
„Er hat nach drei Jahren das Studienfach gewechselt und auch die Universität, deswegen haben wir unsere Wohngemeinschaft aufgelöst. Er ist nach München gegangen und arbeitet dort als Übersetzer. Sprachen lagen ihm immer. Wir haben nur noch wenig Kontakt. Leider.“
„Flieg doch mal nach München und besuche ihn.“
Kitty zog die Nase kraus. „Ich weiß nicht. Wir haben uns so lange nicht gesehen.“
„Wenn ihr wirklich Freunde seid, dann macht das nichts aus. Dann wird es sein, als hättet ihr euch gestern zuletzt getroffen. Das geht mir mit meinen Freunden in Madrid auch so.“
Kitty strich sich verlegen die Locken hinter die Ohren. „Nach München fliegen, einfach so. Ich habe bisher für jede Reise sparen müssen. Ich muss erst noch lernen, in solchen Dimensionen zu denken.“ Kitty drehte den Kopf und sah Juan nachdenklich an. Wie kam Juan, dieses Sinnbild von Männlichkeit, wohl mit Homosexuellen zurecht?
„Du hast vorhin ein bisschen das Gesicht verzogen, als ich von Georg erzählt habe. Hast du was gegen Schwule?“, fragte Kitty.
Juan schüttelte den Kopf. „Nein, natürlich nicht. In künstlerischen Berufen hat man sehr oft mit Homosexuellen zu tun. Sie haben dieses faszinierende Einfühlungsvermögen, wo dem du gesprochen hast, und als Schauspieler oder Sänger brauchst du das. Früher habe ich mir immer viel darauf eingebildet, was ich für ein toller Kerl bin, und die nachgiebige, die sensible Seite immer als Schwäche gesehen. Dass es auch ganz entscheidende Vorteile hat, habe ich erst viel später gelernt. Und dass man kein Macho-Gehabe braucht, um ein richtiger Kerl zu sein.“ Juan deutete im Vorbeifahren auf ein Hinweisschild. „Die nächste Ausfahrt müssen wir raus, oder?“
„Ja“, sagte Kitty und lehnte den Kopf wieder an die Scheibe, „wir sind bald zu Hause.“
Juan warf ihr einen Blick zu und drückte ihre Hand. „Zu Hause ist da, wo man verstanden und geliebt wird. Warte, bis wir nach Madrid kommen, da wartet eine ganze Familie auf dich, die dich ins Herz schließen will. Und in der wirst du mehr zu Hause sein, als du in deiner eigenen je warst.“
Kitty antwortete nicht, sondern sah weiter nachdenklich zum Fenster hinaus. Eine neue Familie? Noch etwas, das sie wegen Juan hinter sich ließ. Beruf, Wohnort, sogar das Land, Familie, Kollegen, Freunde – alles würde sich in Kürze ändern. Und so sehr sie Juan liebte – alles hinter sich zu lassen machte ihr fast ein bisschen Angst.

Überfall und die Folgen…

Kapitel 5

Juan ist nachts mitten in Köln überfallen worden, als er gerade vom Excelsior zum Scampi gehen wollte. Zum Glück finden ihn Kitty und Karolin, als er mit geschlossenen Augen an der Mauer vom Café Reichardt lehnt.

„Kitty drehte sich um, bahnte sich grob einen Weg durch die gaffenden Gäste und rannte wütend nach draußen. Karolin folgte ihr eilig. „Ich fasse es nicht!! Was bildet der sich eigentlich ein!?“, schrie Kitty, als sie auf dem Wallrafplatz standen. Sie lief in ihrem Zorn mit großen Schritten durch die Gasse wieder in Richtung Excelsior. „Blöder Schwätzer!“, schimpfte sie, „lass uns bloß schnell zu den anderen Typen zurückgehen, damit ich wieder ein paar nette Gesichter sehe.“
Karolin versuchte, mit ihren langen Schritten mitzuhalten. „Reg dich ab, Hendrik war doch sternhagelvoll.“
„Das ist keine Entschuldigung“, fauchte Kitty über die Schulter, „wenn er das Saufen nicht verträgt und aus der Rolle fällt, soll er die Finger vom Alkohol lassen. Genau wie der da!“, sagte sie und zeigte im Vorbeigehen auf einen Penner in einem verschmutzten weißen Hemd, der auf dem Boden saß und mit geschlossenen Augen an der Mauer vom Café Reichardt lehnte.
Hilfe …
„Moment mal“, sagte Kitty plötzlich, als sie ein paar Meter weiter waren. Ein Penner im weißen Hemd? Sie blieb abrupt stehen und rannte wieder zurück. Karolin folgte ihr verblüfft.
Stimmen … Sie sind zurück … Jetzt geben sie mir … den Rest …
Kitty ging neben dem Mann in die Hocke. „Karolin, schau doch“, rief sie aufgeregt und winkte Karolin herbei, „das ist Juan, den wir eben getroffen haben!“
Mein … Name … Sie haben … meinen Namen … gesagt.  Wer … „Tatsächlich, das gibt es ja nicht. Wie kommt der jetzt hierher?“ Karolin ging ebenfalls in die Hocke, stellte ihre Tasche hin und besah ihn sich genau. „Er kann unmöglich betrunken sein“, stellte sie fest, „der war doch vor einer Viertelstunde noch völlig nüchtern.“ Sie überlegte kurz. „Oder ob Spanier einen genetischen Defekt haben und kein Kölsch vertragen?““

cafe_reichardt

Da ist das Café Reichardt, und da ist auch die Mauer. Nach links geht es zum Scampi.

Excelsior

Das „Excelsior“ in Köln und das schon erwähnte „Dom-Hotel“ sind die Luxusherbergen, die dem Kölner Dom am nächsten liegen. Am „Excelsior“ komme ich fast jeden Morgen vorbei, und nicht selten stehen Luxuskarossen aller Art davor, und manchmal sichtet man auch einen Promi…

In „Darling, wir sind hier im Ritz!“ kehren dort die Sänger von Con Pasion nach dem Konzert in der Piano-Bar ein, und dort lernen sich Juan und Kitty kennen (Kapitel 4).

Das Lokal Scampi, in dem sich Kitty und Karolin verabredet haben, ist am Wallrafplatz und wirklich nur ein paar Schritte vom „Excelsior“ entfernt über die Straße. In Wirklichkeit heißt es Campi, oder besser: es hieß bis vor kurzem so, denn es wird gerade umgebaut (Stand: Mai 2013) und soll demnächst unter neuem Namen wiedereröffnen, vermutlich heißt es dann Im Funkhaus. Und dieser Name trifft es auch besser, denn das Lokal befindet sich wirklich im Erdgeschoss des WDR-Funkhauses (ohne Zugang zum Hauptgebäude natürlich) und war ganz früher die Kantine der Mitarbeiter, bis sie zu klein wurde.

Mit Leidenschaft

Kapitel 2: „Juan Torres Delgado hob das Mikrofon an die Lippen und sah aus dem Augenwinkel, dass James Taylor, François Zambaire und Gian Züggli neben ihm die gleiche Bewegung machten, so wie sie es einstudiert hatten. Und obwohl sie alle vier gemeinsam sangen, trug vor allem seine Baritonstimme das fulminante Ende von ,Adagio‘, wie so oft. Es war der Höhepunkt jedes Konzerts. Überall auf ihrer Welttournee, ob in den USA, in Europa oder in Asien, gab es anschließend stehende Ovationen.
„Vivere in te!“, schmetterte Juan, zwei lange Takte auf dem ,e‘ und dann noch anderthalb Takte auf dem ,fis‘, und er hatte immer noch Reserven. Er brachte seine Kollegen regelmäßig zur Verzweiflung.
Juan schickte den letzten Ton mit aller Kraft bis unter die Hallendecke, und auf die Sekunde genau erloschen die Scheinwerfer. Die wochenlangen Proben vor der Tournee hatten sich gelohnt, und die Wirkung war phänomenal. In der stockdunklen Halle brachen nach einigen Sekunden ergriffenen Schweigens Begeisterungsstürme aus. Die Schein-werfer flammten wieder auf. Das Quartett Con Pasion hatte sich inzwischen formiert, verbeugte sich und nahm lächelnd die Ovationen entgegen.
Juan ließ seinen Blick über die Sitze in der ersten Reihe gleiten, seine Augen blieben an einer wunderschönen Frau hängen. Wie in der Applausordnung festgelegt, traten sie alle vier gleichzeitig einen Schritt nach vorne, um wieder im Scheinwerferkegel zu stehen. Juan achtete nicht auf seine Schritte, er sah nur auf die Frau, die nun unmittelbar vor ihm saß. Ihr Gesicht erschien ihm seltsam verschwommen, aber die Haarfarbe konnte er genau erkennen, ein dunkles, kupferfarbenes Rot. Eine faszinierende Farbe. Juan stolperte, versuchte sich noch an James festzuhalten, der grinste ihn durchtrieben an, verpasste ihm einen Rippenstoß – und dann fiel Juan von der Bühne. “

Juan Torres Delgado

Juan Torres im Dom-Hotel, Köln

„Im ‚Dom-Hotel’ inspizierte Juan kurz sein Zimmer. Der Ausblick war phänomenal. Er trat an das bodentiefe Fenster.  Direkt vor dem Hotel sah er die eindrucksvolle Gotik-Fassade des Kölner Doms. (…) Juan bückte sich ein wenig und verdrehte den Kopf, um die Spitzen der Türme sehen zu können. Sein Blick wanderte über die feinziselierte gotische Fassade nach unten. Auf dem Platz vor dem Hauptportal des Doms waren viele Menschen unterwegs, Straßenmaler, Kleinkünstler, Musiker, Touristen. Und auf der gegenüberliegenden Seite vom Dom sah er ein weiteres Luxus-Hotel, das Excelsior.“

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