Kapitel 26 – Juan in Gefahr

Lufthansa-Maschine nach London

Lufthansa-Maschine nach London

Die Koffer waren aufgegeben. Noch eine halbe Stunde, bis sie an Bord gehen konnten. Juan und Kitty schlenderten Hand in Hand durch die Geschäfte in der Abflugzone. Juan schenkte den Auslagen kaum Beachtung, ein Flughafen war wie der andere. Duty-Free-Shops, Internationale Presse, teure Markenkleidung, Bücher, Reiseutensilien. Er kaufte nur ein Päckchen Kaugummi. Das Kauen half ihm, während des Fluges den Druck auf die Ohren auszugleichen. Auf sein Gehör musste er ebenso achtgeben wie auf seine Stimme. Außerdem würde das Pfefferminzaroma vielleicht den seltsamen Geschmack in seinem Mund vertreiben.
Kitty zeigte auf den Presseshop und ließ seine Hand los. „Ich hole mir noch eine Tageszeitung.“
Juan runzelte die Stirn. „Es gibt im Flugzeug welche.“
„Ja, aber ich will eine Berliner Morgenpost, die hat die Lufthansa nicht“, sagte Kitty, „nun mach doch nicht so ein Gesicht.“
„Ich mache ein Gesicht?“
„Als ob du Magenschmerzen hättest.“
Juan fuhr sich mit dem Handrücken über die Stirn und fühlte Schweißtropfen. Seltsam. Er sah, dass Kitty ihn misstrauisch musterte. „Wieso schwitzt du? So warm ist es doch nicht.“
Juan zuckte nur mit den Achseln und deutete mit dem Kopf auf die Wartezone vor dem Boarding-Schalter. „Ich setze mich da drüben ein bisschen hin.“
„Du hattest wohl gestern doch ein Bier zuviel, oder?“, neckte sie ihn und ging zum Presseshop hinüber.
Juan schleppte sich zu den Sitzreihen. Ihm war elend zumute, hundeelend. Er wollte sich Kitty gegenüber nichts anmerken lassen. Trotz Reisefieber und Stress, den sie vorher gehabt hatten, freute sie sich wie ein kleines Kind auf London.
Juan fühlte sich schwach auf den Beinen, er hatte Schweißausbrüche und ihm war speiübel. Wahrscheinlich hatte er am Abend vorher bei der Party irgendetwas gegessen, was nicht mehr gut war. Vielleicht diese Hackfleisch-Bällchen, Hackfleisch war doch so empfindlich. Juan hatte vor Jahren einmal eine Lebensmittelvergiftung gehabt, das hatte sich genauso angefühlt. Aber Kitty hatte das gleiche gegessen wie er, und ihr ging es gut. Seltsam. Juan ließ sich auf einen der Sitze in der Wartezone fallen, lehnte den Kopf an die Wand und schloss die Augen. Oh, gut. Dann merkte er das Schwindelgefühl nicht mehr so. Einfach so sitzenbleiben können, nirgendwo hin müssen, einfach nur schlafen.
Kitty fand ihre Zeitung und durchstöberte die Neuerscheinungen der Taschenbücher, bevor sie zu Juan zurückkehrte. Er saß zusammengesunken auf einem Sessel in der Wartezone, hatte den Kopf angelehnt und die Augen geschlossen. Als Kitty ihm eine Hand auf die Schulter legte, fuhr er erschrocken zusammen und richtete sich auf. Er war blass und auf seiner Stirn stand wieder Schweiß. „Wir können gleich an Bord“, sagte Kitty mit Blick auf den Schalter, an dem die Flugbegleiter soeben letzte Vorbereitungen zum Boarding trafen. Juan nickte nur stumm.
Kitty legte ihre Zeitung neben ihm auf dem Sitz ab, ging vor ihm in die Hocke und sah ihm besorgt ins Gesicht. Es schien, als könne Juan nur mühsam die Augen offenhalten. „Juan, was ist denn los mir dir? Sollen wir besser nicht fliegen?“
„Natürlich fliegen wir“, sagte Juan, stützte sich auf der Armlehne ab und stand entschlossen auf, „hast du vergessen, dass Ramón in drei Tagen kommt?“ Er schwankte und hielt sich einen Moment an der Sitzbank fest.
„Nein, natürlich nicht“, sagte Kitty zögernd und beobachtete ihn besorgt, „aber wenn du krank bist, solltest du besser nicht in einen Flieger steigen.“ In diesem Moment wurde ihre Maschine zum Boarding aufgerufen.
„Ich bin nicht krank, mir ist nur ein bisschen flau. Es ist nichts“, versicherte Juan, nahm die Zeitung, legte einen Arm um ihre Schultern und sie gingen zum Ausgang.

Kapitel 9 – Telefonate

Karolin besucht ihre Freundin Kitty in Berlin. Kitty klingt am Telefon immer so deprimiert. Und richtig: sie hat Juan nicht vergessen können, und der ist wie vom Erdboden verschluckt. Was tun? Karolin hat eine Idee…

Das Hauptstadtstudio in Berlin

Das Hauptstadtstudio in Berlin

Karolin war tatsächlich schon da. Sie hatte direkt neben dem Geländer zur Spree einen der begehrten Korbsessel erobert und auf einem zweiten ihre Füße hochgelegt. Sie saß völlig entspannt in der Sonne, sprang aber auf, als Kitty an ihren Tisch kam, und umarmte sie. Karolin sah sich um und winkte dem Kellner. „Einen Kaffee und einen Earl Grey.“ Er nickte und verschwand nach drinnen. Sie musterte Kitty jetzt mit dem, was Kitty immer ihren Röntgenblick nannte. „Okay“, sagte Karolin und beugte sich vor. Sie zog ihre Sonnenbrille ein wenig nach unten und lugte Kitty über den Brillenrand hinweg an. „Der Doktor hat jetzt Sprechstunde.“ Kitty musste lachen, aber wurde wieder ernst. „Hendrik. Mal wieder.“ Karolin nickte verständnisvoll. „Das hast du mir am Telefon schon gesagt. Hast du mit deinem Chef geredet?“ Kitty schüttelte den Kopf. „Noch nicht. Ich weiß nicht, ob es Sinn macht. Ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll, was er tut. Im Grunde macht er nichts Verbotenes. Er steht auf dem Gang oder in der Teeküche herum und redet mit mir.“
„Ja, aber wie! Du musst etwas tun!“
„Ach, lass mich in Ruhe!“
Karolin musterte sie aufmerksam. „Immer, wenn du mich angiftest, frisst du irgendetwas in dich hinein. Aber ich weiß ein Gegenmittel. Wirf mal einen Blick unter den Tisch.“ Kitty beugte sich hinunter. Unter dem Tisch stand ein großer Weidenkorb mit Henkel, und obendrauf lag eine Decke, so dass Kitty nicht sehen konnte, was darin war. „Was ist das?“
„In diesem Korb“, raunte Karolin ihr verschwörerisch zu, „hat Rotkäppchen alles, was man für einen märchenhaften Weiberabend braucht. Kuchen, frisches Baguette, Käse und Rotwein.“
„Klingt gut. Aber nicht hier, hier läuft mir zuviel Arbeit nach.“ Zwei Tische weiter nahm gerade der Außenminister mit einem Sicherheitsbeamten und einem Journalisten Platz. Karolin starrte ihn mit kugelrunden Augen an. „Siehst du?“, lachte Kitty.
 

Berliner Dom

Berliner Dom

Kitty und Karolin hatten auf der Wiese zwischen dem alten Museum und dem Berliner Dom ihre Decke ausgebreitet und gemeinsam bereits eine Flasche Rotwein geleert. Um sie herum herrschte trotz der vorgerückten Abendstunde noch reger Betrieb. Im Gras, am Brunnenrand und auf den niedrigen gemauerten Wegbegrenzungen saßen und lagen vor allem Studenten der nahen Humboldt-Universität mit Pick-nickkörben und Gitarren. Das Gras duftete noch vom langen Sommertag, und in den nahen Bäumen beschimpften sich Spatzen, ihr Tschilpen drang immer wieder zu ihnen herüber. Kitty spürte, dass der Wein wirkte. Sie fühlte sich gelassen, beschwingt und redselig. „Gib es zu, du hast den Wein mitgebracht, um mich betrunken zu machen und alles aus mir rauszuquetschen.“
„Genau“, sagte Karolin todernst. Sie starrten sich finster an und brachen in schallendes Gelächter aus. Kitty wurde wieder ernst. „Ich komme mir völlig bescheuert vor“, sagte sie. „Warum?“ Karolins Stimme klang träge. Sie hatte sich der Länge nach auf der Decke ausgestreckt, die Arme hinter dem Kopf verschränkt und sah in den dunkelblauen Abendhimmel hinauf. „Sommer in Berlin“, sagte sie schwärmerisch, „was für ein Unterschied zu Köln.“ Sie drehte den Kopf und sah zu Kitty, die pausenlos Grashalme neben der Decke ausrupfte und in die Luft warf. „Also, warum bist du bescheuert?“ Kitty warf ihr einen finsteren Blick zu. „Weil ich dir seit einer Stunde erzähle, wie toll Juan ist, seine Augen, seine Stimme, dass ich pausenlos an ihn denke – hey, ich bin 30, keine 15.“
„Kaum zu glauben“, kicherte Karolin. Sie setzte sich auf, legte Kitty einen Arm um die Schultern und zog sie an sich. „Wie viele Liebeskummer haben wir miteinander durchgestanden, hm?“ Kitty zuckte nur mit den Achseln. „Wenn man verliebt ist, fühlt man immer so, ob mit 15 oder mit 50. Mit der Zeit werden die Erwartungen realistischer, aber die Gefühle bleiben genauso intensiv.“

Der Kleinkram

Anführungszeichen 99/66! Komma vor Begleitsatz! Titel! Cover!

Auf gut deutsch: der Kleinkram bringt mich gerade um. 🙂 Eins greift ins andere: der Text muss noch einmal penibel durchgesehen werden, so viele kleine Fehlerteufelchen haben sich eingeschlichen. „Suchen und ersetzen“ hilft leider nicht immer…

Meinen Titel hab ich jetzt wieder umgeschmissen. „London, Madrid und zurück“ klingt mehr nach Reiseführer als nach Roman.  Favorit ist momentan (Stand 11.03.2013): „Liebling, wir sind hier im Ritz“, aber auch das kann sich noch ändern.

Rechnet mal mit April als Erscheinungstermin… 😉

Endspurt

Im Blog hat sich lange nichts mehr getan. Aber ich habe eine Entschuldigung: ich editiere! Was im Klartext bedeutet, das Buch ist fertig, und jetzt wird es noch einmal von vorne bis hinten durchgearbeitet. Jeder einzelne Satz muss auf den Prüfstand, und – oh Gott – ich hab noch so viele Fehler gefunden…

Aber es wird. Als Veröffentlichungstermin habe ich den März angepeilt, und kann den Termin hoffentlich auch halten. Anfang März wäre toll, Mitte März ist wahrscheinlicher. Ende März ginge auch, aber daran denke ich lieber nicht, sonst fange ich wieder an zu trödeln.

Ich glaube, ich habe jetzt auch den endgültigen Titel, aber ich will nochmal drüber schlafen, bevor ich ihn allgemein bekannt gebe.

Ich werde das Buch mit „Createspace“ bei Amazon veröffentlichen, das scheint mir am einfachsten zu sein, und vor allem braucht man nicht in finanzielle Vorlagen treten. Das wird noch ein Kapitel für sich, den Text entsprechend einrichten, das Cover hochladen…

Oh.

Das Cover.

Das wird der nächste Blogeintrag. 🙂

„Sie ist hier.“

Kaffeepause. Juan stand mit seiner großen Tasse in der Hand am Fenster vom Aufenthaltsraum und sah gedankenverloren auf den Hof hinunter. Er hatte versucht, Kitty anzurufen, aber sie war von ihrem Workshop noch nicht zurück. Nur ihre Mailbox antwortete. Auch wenn sie sich in den letzten Tagen ständig gestritten hatten, im Grunde hatte Kitty recht. Sie hatten so wenig Zeit füreinander, dass sie sich kaum besser kannten als im letzten Sommer. Und schlimmer noch, seit er ein paarmal vor lauter Frust einen hinter die Binde gekippt und betrunken nach Hause gekommen war, war es fast so, als würde sie seine Gegenwart meiden. Selbst die Nächte waren flüchtiger geworden, vom Zeitdruck bestimmt, mehr Gewohnheit als Leidenschaft. Das durfte, das konnte doch nicht sein, nicht so schnell. Und eigentlich hatte er gedacht, es würde nie passieren, dass Gleichgültigkeit in ihre Beziehung einziehen würde. Sie liebten sich, sie waren füreinander bestimmt, er wusste es. Konnte ihre Partnerschaft, ihre Liebe sich abnutzen, bevor sie überhaupt verheiratet waren?

Juan war ratlos. Er musste dringend mit jemandem reden. Nicht heute und nicht jetzt, aber sehr bald. Und heute waren sie im Studio besonders unter Zeitdruck. Diesmal lag es an James. Seitdem er sein Date gehabt hatte, war er völlig durch den Wind. Aber er weigerte sich hartnäckig, Genaueres zu erzählen.

Hinter sich hörte er Schritte und sah über die Schulter. Gian kam aus der Küche, ein großes Glas Wasser in der Hand. Er blieb einen Moment stehen, um durstig einen großen Schluck zu trinken, und kam dann auf ihn zu. Juan schmunzelte. Gians Sweatshirt war gebügelt, seine Jeans umgenäht und sauber. Überhaupt sah er neuerdings nicht mehr aus wie ein aus dem Nest gefallener Vogel, sondern irgendwie… Juan suchte das richtige Wort – häuslich? Bodenständig? Margherita machte offenbar einen guten Job, und Juan hatte sich in den letzten Wochen schon oft gefragt, ob sich zwischen den beiden etwas anbahnte. Er hütete sich, Gian zu fragen, bei persönlichen Fragen machte er trotz aller Freundschaft sofort zu, wie eine Auster. Entweder er fing von selber damit an, oder eben nicht. Juan akzeptierte das. Er selber war genauso verschlossen in persönlichen Dingen. Nur brachte ihm das jetzt gerade einen Haufen Ärger ein.

„Francois und James schließen gerade Wetten ab, wieviele Versuche wir für den Song noch brauchen“, grinste Gian und stellte sich neben Juan.

Juan lehnte sich mit dem Rücken ans Fensterbrett und dachte nach. „Wenn James sich weiterhin so blöd anstellt, sicher noch fünf oder sechs. Was meinst Du?“

„Ich bin Optimist, ich sage drei.“

„Hauptsache, wir werden heute damit fertig, ich habe keine Lust, nach der USA-Reise von vorne anzufangen.“

Sie grinsten sich an, und Gian trat näher ans Fenster. „Immer noch so ein Mistwetter“, sagte er und äugte nach oben in den grauen Himmel, „aber in Kalifornien soll es schon sehr warm sein, hat Thomas gesagt.“ Dann fiel sein Blick über den Hof, und schließlich blieb sein Blick an etwas hängen, und er reckte sich, um senkrecht nach unten zu sehen. „Nanu? Wir bekommen Besuch.“

Juan drehte sich um und sah gerade noch Michael unter dem Vordach vom Gebäude verschwinden. „Will der zu uns?“ fragte Gian, und dann hörten sie auch schon Schritte im Treppenhaus. Gleich darauf öffnete sich die Tür und Michael trat ein. Er lächelte erfreut, als er Juan sah. „Das trifft sich gut, ich wollte zu Dir“, sagte er, kam auf sie zu und schüttelte beiden die Hand.

Juan sah ihn verblüfft an. „Zu mir? Wieso?“

Michael warf einen Blick auf Gian, der sie neugierig ansah, und sein Blick wanderte wieder zu Juan. „Ich muss Dich unter vier Augen sprechen, geht das?“

Juan und Gian wechselten einen erstaunten Blick. „Ja“, sagte Juan, „Ja, natürlich. Wir können in Christines Büro gehen, sie hat gerade Mittagspause. Entschuldige mich einen Moment, Gian.“

Gian wedelte gelassen mit der Hand. „Kein Problem.“

Sie gingen nebeneinander in das kleine Büro neben der Küche. Michael schloss die Tür und bedeutete Juan, sich auf einen der Besucherstühle zu setzen. Juan setzte sich zögernd. Michaels Miene verhieß nichts Gutes.

„Was ist los? Ist etwas passiert?“

Michael lehnte sich am Schreibtisch an. „Sie ist hier“, sagte er.

Juan runzelte die Stirn. „Wer ist wo?“

„Johanna“, sagte Michael, „sie ist hier in London. Sie hat mich vorhin angerufen.“