Kapitel 9 – Telefonate

Karolin besucht ihre Freundin Kitty in Berlin. Kitty klingt am Telefon immer so deprimiert. Und richtig: sie hat Juan nicht vergessen können, und der ist wie vom Erdboden verschluckt. Was tun? Karolin hat eine Idee…

Das Hauptstadtstudio in Berlin

Das Hauptstadtstudio in Berlin

Karolin war tatsächlich schon da. Sie hatte direkt neben dem Geländer zur Spree einen der begehrten Korbsessel erobert und auf einem zweiten ihre Füße hochgelegt. Sie saß völlig entspannt in der Sonne, sprang aber auf, als Kitty an ihren Tisch kam, und umarmte sie. Karolin sah sich um und winkte dem Kellner. „Einen Kaffee und einen Earl Grey.“ Er nickte und verschwand nach drinnen. Sie musterte Kitty jetzt mit dem, was Kitty immer ihren Röntgenblick nannte. „Okay“, sagte Karolin und beugte sich vor. Sie zog ihre Sonnenbrille ein wenig nach unten und lugte Kitty über den Brillenrand hinweg an. „Der Doktor hat jetzt Sprechstunde.“ Kitty musste lachen, aber wurde wieder ernst. „Hendrik. Mal wieder.“ Karolin nickte verständnisvoll. „Das hast du mir am Telefon schon gesagt. Hast du mit deinem Chef geredet?“ Kitty schüttelte den Kopf. „Noch nicht. Ich weiß nicht, ob es Sinn macht. Ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll, was er tut. Im Grunde macht er nichts Verbotenes. Er steht auf dem Gang oder in der Teeküche herum und redet mit mir.“
„Ja, aber wie! Du musst etwas tun!“
„Ach, lass mich in Ruhe!“
Karolin musterte sie aufmerksam. „Immer, wenn du mich angiftest, frisst du irgendetwas in dich hinein. Aber ich weiß ein Gegenmittel. Wirf mal einen Blick unter den Tisch.“ Kitty beugte sich hinunter. Unter dem Tisch stand ein großer Weidenkorb mit Henkel, und obendrauf lag eine Decke, so dass Kitty nicht sehen konnte, was darin war. „Was ist das?“
„In diesem Korb“, raunte Karolin ihr verschwörerisch zu, „hat Rotkäppchen alles, was man für einen märchenhaften Weiberabend braucht. Kuchen, frisches Baguette, Käse und Rotwein.“
„Klingt gut. Aber nicht hier, hier läuft mir zuviel Arbeit nach.“ Zwei Tische weiter nahm gerade der Außenminister mit einem Sicherheitsbeamten und einem Journalisten Platz. Karolin starrte ihn mit kugelrunden Augen an. „Siehst du?“, lachte Kitty.
 

Berliner Dom

Berliner Dom

Kitty und Karolin hatten auf der Wiese zwischen dem alten Museum und dem Berliner Dom ihre Decke ausgebreitet und gemeinsam bereits eine Flasche Rotwein geleert. Um sie herum herrschte trotz der vorgerückten Abendstunde noch reger Betrieb. Im Gras, am Brunnenrand und auf den niedrigen gemauerten Wegbegrenzungen saßen und lagen vor allem Studenten der nahen Humboldt-Universität mit Pick-nickkörben und Gitarren. Das Gras duftete noch vom langen Sommertag, und in den nahen Bäumen beschimpften sich Spatzen, ihr Tschilpen drang immer wieder zu ihnen herüber. Kitty spürte, dass der Wein wirkte. Sie fühlte sich gelassen, beschwingt und redselig. „Gib es zu, du hast den Wein mitgebracht, um mich betrunken zu machen und alles aus mir rauszuquetschen.“
„Genau“, sagte Karolin todernst. Sie starrten sich finster an und brachen in schallendes Gelächter aus. Kitty wurde wieder ernst. „Ich komme mir völlig bescheuert vor“, sagte sie. „Warum?“ Karolins Stimme klang träge. Sie hatte sich der Länge nach auf der Decke ausgestreckt, die Arme hinter dem Kopf verschränkt und sah in den dunkelblauen Abendhimmel hinauf. „Sommer in Berlin“, sagte sie schwärmerisch, „was für ein Unterschied zu Köln.“ Sie drehte den Kopf und sah zu Kitty, die pausenlos Grashalme neben der Decke ausrupfte und in die Luft warf. „Also, warum bist du bescheuert?“ Kitty warf ihr einen finsteren Blick zu. „Weil ich dir seit einer Stunde erzähle, wie toll Juan ist, seine Augen, seine Stimme, dass ich pausenlos an ihn denke – hey, ich bin 30, keine 15.“
„Kaum zu glauben“, kicherte Karolin. Sie setzte sich auf, legte Kitty einen Arm um die Schultern und zog sie an sich. „Wie viele Liebeskummer haben wir miteinander durchgestanden, hm?“ Kitty zuckte nur mit den Achseln. „Wenn man verliebt ist, fühlt man immer so, ob mit 15 oder mit 50. Mit der Zeit werden die Erwartungen realistischer, aber die Gefühle bleiben genauso intensiv.“

Berlin

Und hier das nächste bebilderte Kapitel:

Kapitel 7 – Suchen und finden

Berlin, Anfang August

Auf der Spree tuckerte ein Ausflugsschiff vorbei. „… und in Berlin wird ja nicht nur Politik gemacht“, tönte es übers Wasser, und vom Gebäude des Hauptstadtstudios prallte die Ansage mit einem Echo wieder ab. Ausläufer der Bugwelle des Schiffs plätscherten gegen die Kaimauern, eine leichte Brise ließ die Blätter in den Platanen tanzen. „Auf der linken Seite sehen Sie das Studio des SENDERs, und gleich dahinter das Reichstagsgebäude“, verkündete der Ansager auf dem Schiff und alle Köpfe oben auf Deck drehten sich gehorsam nach links.

Kitty nahm keine Notiz. Im Sommer folgte ein Ausflugsschiff dem nächsten, und die Bootsführer hatten mal mehr, mal weniger originelle Sprüche, um den Touristen das Regierungsviertel zu erklären. Sie schob ihre leere Teetasse ein wenig beiseite, um ihre Unterlagen auf dem kleinen Bistro-Tisch besser durchblättern zu können. Das war einer der Vorteile an der Arbeit im Hauptstadtstudio – ein erstklassiges Café unten im Haus, mit hervorragender Küche, für Angestellte des SENDERs zu vergünstigten Preisen. Und jetzt, im Sommer, mit Straßencafé, die Tische direkt am Spreeufer. Und einen Chef, dem es egal war, wo man seine Unterlagen las, Hauptsache, man kam gut vorbereitet zu den Konferenzen. Insofern war Werner Tumbstedt eine angenehme Überraschung gewesen, wenn sie auch sonst in den vergangenen vier Wochen nicht viel von ihm gesehen hatte.

Kitty nahm einige zusammengeheftete Blätter aus dem Stapel heraus, beschwerte die anderen mit dem Zuckerstreuer, damit sie nicht wegfliegen konnten, stellte die Füße auf die Querstrebe vom Geländer und legte sich den Packen Papier auf ihre angewinkelten Beine. So ließ es sich gut arbeiten. Aus dem Augenwinkel sah sie, dass am Nachbartisch inzwischen zwei Bundestagsabgeordnete der Unionsparteien Platz genommen hatten und beim Kellner bestellten. Sie schmunzelte. Die Arbeit folgte ihr überall hin. Dann begann sie zu lesen.

*****

Restaurant "Die Eins"

Das Hauptstadtstudio gibt es tatsächlich, und auch das Restaurant und Café „Die Eins“ am Spreeufer. Besonders beliebt: Frühstück von 9-24 Uhr. Reichhaltig und lecker. Die Schnitzel Wiener Art mit Bratkartoffeln sind unüberbietbar! Und tatsächlich verirrt sich auch der eine oder andere prominente Politiker oder Fernsehjournalist hierhin. Die Bedienung ist aufmerksam und flink, das Essen hervorragend, und mit Blick auf die Spree kann man die Seele baumeln lassen.

Kapitel 6 – Unsanftes Wecken

Juan ist verschwunden. Das einzige, was seine drei Kollegen wissen ist, dass er in der Nacht in Begleitung einer rothaarigen Frau gesehen wurde und offenbar nicht ganz bei sich war, womöglich unter Drogen oder sinnlos betrunken. Gian, François und James überlegen fieberhaft, was sie tun sollen.

Der Portier nickte eifrig. Offenbar war er froh, endlich eine gesicherte Auskunft geben zu können. „Drüben am Hauptbahnhof ist der Hauptstandplatz der Kölner Taxis hier in der Innenstadt. Wenn Sie ein Foto von Ihrem Kollegen mitnehmen, wird sich bestimmt herausfinden lassen, ob er in der Nacht in einem Taxi unterwegs war.“

Und schon stürmen die drei los und befragen die Taxifahrer …

Überfall und die Folgen…

Kapitel 5

Juan ist nachts mitten in Köln überfallen worden, als er gerade vom Excelsior zum Scampi gehen wollte. Zum Glück finden ihn Kitty und Karolin, als er mit geschlossenen Augen an der Mauer vom Café Reichardt lehnt.

„Kitty drehte sich um, bahnte sich grob einen Weg durch die gaffenden Gäste und rannte wütend nach draußen. Karolin folgte ihr eilig. „Ich fasse es nicht!! Was bildet der sich eigentlich ein!?“, schrie Kitty, als sie auf dem Wallrafplatz standen. Sie lief in ihrem Zorn mit großen Schritten durch die Gasse wieder in Richtung Excelsior. „Blöder Schwätzer!“, schimpfte sie, „lass uns bloß schnell zu den anderen Typen zurückgehen, damit ich wieder ein paar nette Gesichter sehe.“
Karolin versuchte, mit ihren langen Schritten mitzuhalten. „Reg dich ab, Hendrik war doch sternhagelvoll.“
„Das ist keine Entschuldigung“, fauchte Kitty über die Schulter, „wenn er das Saufen nicht verträgt und aus der Rolle fällt, soll er die Finger vom Alkohol lassen. Genau wie der da!“, sagte sie und zeigte im Vorbeigehen auf einen Penner in einem verschmutzten weißen Hemd, der auf dem Boden saß und mit geschlossenen Augen an der Mauer vom Café Reichardt lehnte.
Hilfe …
„Moment mal“, sagte Kitty plötzlich, als sie ein paar Meter weiter waren. Ein Penner im weißen Hemd? Sie blieb abrupt stehen und rannte wieder zurück. Karolin folgte ihr verblüfft.
Stimmen … Sie sind zurück … Jetzt geben sie mir … den Rest …
Kitty ging neben dem Mann in die Hocke. „Karolin, schau doch“, rief sie aufgeregt und winkte Karolin herbei, „das ist Juan, den wir eben getroffen haben!“
Mein … Name … Sie haben … meinen Namen … gesagt.  Wer … „Tatsächlich, das gibt es ja nicht. Wie kommt der jetzt hierher?“ Karolin ging ebenfalls in die Hocke, stellte ihre Tasche hin und besah ihn sich genau. „Er kann unmöglich betrunken sein“, stellte sie fest, „der war doch vor einer Viertelstunde noch völlig nüchtern.“ Sie überlegte kurz. „Oder ob Spanier einen genetischen Defekt haben und kein Kölsch vertragen?““

cafe_reichardt

Da ist das Café Reichardt, und da ist auch die Mauer. Nach links geht es zum Scampi.

Excelsior

Das „Excelsior“ in Köln und das schon erwähnte „Dom-Hotel“ sind die Luxusherbergen, die dem Kölner Dom am nächsten liegen. Am „Excelsior“ komme ich fast jeden Morgen vorbei, und nicht selten stehen Luxuskarossen aller Art davor, und manchmal sichtet man auch einen Promi…

In „Darling, wir sind hier im Ritz!“ kehren dort die Sänger von Con Pasion nach dem Konzert in der Piano-Bar ein, und dort lernen sich Juan und Kitty kennen (Kapitel 4).

Das Lokal Scampi, in dem sich Kitty und Karolin verabredet haben, ist am Wallrafplatz und wirklich nur ein paar Schritte vom „Excelsior“ entfernt über die Straße. In Wirklichkeit heißt es Campi, oder besser: es hieß bis vor kurzem so, denn es wird gerade umgebaut (Stand: Mai 2013) und soll demnächst unter neuem Namen wiedereröffnen, vermutlich heißt es dann Im Funkhaus. Und dieser Name trifft es auch besser, denn das Lokal befindet sich wirklich im Erdgeschoss des WDR-Funkhauses (ohne Zugang zum Hauptgebäude natürlich) und war ganz früher die Kantine der Mitarbeiter, bis sie zu klein wurde.

Mit Leidenschaft

Kapitel 2: „Juan Torres Delgado hob das Mikrofon an die Lippen und sah aus dem Augenwinkel, dass James Taylor, François Zambaire und Gian Züggli neben ihm die gleiche Bewegung machten, so wie sie es einstudiert hatten. Und obwohl sie alle vier gemeinsam sangen, trug vor allem seine Baritonstimme das fulminante Ende von ,Adagio‘, wie so oft. Es war der Höhepunkt jedes Konzerts. Überall auf ihrer Welttournee, ob in den USA, in Europa oder in Asien, gab es anschließend stehende Ovationen.
„Vivere in te!“, schmetterte Juan, zwei lange Takte auf dem ,e‘ und dann noch anderthalb Takte auf dem ,fis‘, und er hatte immer noch Reserven. Er brachte seine Kollegen regelmäßig zur Verzweiflung.
Juan schickte den letzten Ton mit aller Kraft bis unter die Hallendecke, und auf die Sekunde genau erloschen die Scheinwerfer. Die wochenlangen Proben vor der Tournee hatten sich gelohnt, und die Wirkung war phänomenal. In der stockdunklen Halle brachen nach einigen Sekunden ergriffenen Schweigens Begeisterungsstürme aus. Die Schein-werfer flammten wieder auf. Das Quartett Con Pasion hatte sich inzwischen formiert, verbeugte sich und nahm lächelnd die Ovationen entgegen.
Juan ließ seinen Blick über die Sitze in der ersten Reihe gleiten, seine Augen blieben an einer wunderschönen Frau hängen. Wie in der Applausordnung festgelegt, traten sie alle vier gleichzeitig einen Schritt nach vorne, um wieder im Scheinwerferkegel zu stehen. Juan achtete nicht auf seine Schritte, er sah nur auf die Frau, die nun unmittelbar vor ihm saß. Ihr Gesicht erschien ihm seltsam verschwommen, aber die Haarfarbe konnte er genau erkennen, ein dunkles, kupferfarbenes Rot. Eine faszinierende Farbe. Juan stolperte, versuchte sich noch an James festzuhalten, der grinste ihn durchtrieben an, verpasste ihm einen Rippenstoß – und dann fiel Juan von der Bühne. “

Juan Torres Delgado

Juan Torres im Dom-Hotel, Köln

„Im ‚Dom-Hotel’ inspizierte Juan kurz sein Zimmer. Der Ausblick war phänomenal. Er trat an das bodentiefe Fenster.  Direkt vor dem Hotel sah er die eindrucksvolle Gotik-Fassade des Kölner Doms. (…) Juan bückte sich ein wenig und verdrehte den Kopf, um die Spitzen der Türme sehen zu können. Sein Blick wanderte über die feinziselierte gotische Fassade nach unten. Auf dem Platz vor dem Hauptportal des Doms waren viele Menschen unterwegs, Straßenmaler, Kleinkünstler, Musiker, Touristen. Und auf der gegenüberliegenden Seite vom Dom sah er ein weiteres Luxus-Hotel, das Excelsior.“

dom-hotel