„Sie ist hier.“

Kaffeepause. Juan stand mit seiner großen Tasse in der Hand am Fenster vom Aufenthaltsraum und sah gedankenverloren auf den Hof hinunter. Er hatte versucht, Kitty anzurufen, aber sie war von ihrem Workshop noch nicht zurück. Nur ihre Mailbox antwortete. Auch wenn sie sich in den letzten Tagen ständig gestritten hatten, im Grunde hatte Kitty recht. Sie hatten so wenig Zeit füreinander, dass sie sich kaum besser kannten als im letzten Sommer. Und schlimmer noch, seit er ein paarmal vor lauter Frust einen hinter die Binde gekippt und betrunken nach Hause gekommen war, war es fast so, als würde sie seine Gegenwart meiden. Selbst die Nächte waren flüchtiger geworden, vom Zeitdruck bestimmt, mehr Gewohnheit als Leidenschaft. Das durfte, das konnte doch nicht sein, nicht so schnell. Und eigentlich hatte er gedacht, es würde nie passieren, dass Gleichgültigkeit in ihre Beziehung einziehen würde. Sie liebten sich, sie waren füreinander bestimmt, er wusste es. Konnte ihre Partnerschaft, ihre Liebe sich abnutzen, bevor sie überhaupt verheiratet waren?

Juan war ratlos. Er musste dringend mit jemandem reden. Nicht heute und nicht jetzt, aber sehr bald. Und heute waren sie im Studio besonders unter Zeitdruck. Diesmal lag es an James. Seitdem er sein Date gehabt hatte, war er völlig durch den Wind. Aber er weigerte sich hartnäckig, Genaueres zu erzählen.

Hinter sich hörte er Schritte und sah über die Schulter. Gian kam aus der Küche, ein großes Glas Wasser in der Hand. Er blieb einen Moment stehen, um durstig einen großen Schluck zu trinken, und kam dann auf ihn zu. Juan schmunzelte. Gians Sweatshirt war gebügelt, seine Jeans umgenäht und sauber. Überhaupt sah er neuerdings nicht mehr aus wie ein aus dem Nest gefallener Vogel, sondern irgendwie… Juan suchte das richtige Wort – häuslich? Bodenständig? Margherita machte offenbar einen guten Job, und Juan hatte sich in den letzten Wochen schon oft gefragt, ob sich zwischen den beiden etwas anbahnte. Er hütete sich, Gian zu fragen, bei persönlichen Fragen machte er trotz aller Freundschaft sofort zu, wie eine Auster. Entweder er fing von selber damit an, oder eben nicht. Juan akzeptierte das. Er selber war genauso verschlossen in persönlichen Dingen. Nur brachte ihm das jetzt gerade einen Haufen Ärger ein.

„Francois und James schließen gerade Wetten ab, wieviele Versuche wir für den Song noch brauchen“, grinste Gian und stellte sich neben Juan.

Juan lehnte sich mit dem Rücken ans Fensterbrett und dachte nach. „Wenn James sich weiterhin so blöd anstellt, sicher noch fünf oder sechs. Was meinst Du?“

„Ich bin Optimist, ich sage drei.“

„Hauptsache, wir werden heute damit fertig, ich habe keine Lust, nach der USA-Reise von vorne anzufangen.“

Sie grinsten sich an, und Gian trat näher ans Fenster. „Immer noch so ein Mistwetter“, sagte er und äugte nach oben in den grauen Himmel, „aber in Kalifornien soll es schon sehr warm sein, hat Thomas gesagt.“ Dann fiel sein Blick über den Hof, und schließlich blieb sein Blick an etwas hängen, und er reckte sich, um senkrecht nach unten zu sehen. „Nanu? Wir bekommen Besuch.“

Juan drehte sich um und sah gerade noch Michael unter dem Vordach vom Gebäude verschwinden. „Will der zu uns?“ fragte Gian, und dann hörten sie auch schon Schritte im Treppenhaus. Gleich darauf öffnete sich die Tür und Michael trat ein. Er lächelte erfreut, als er Juan sah. „Das trifft sich gut, ich wollte zu Dir“, sagte er, kam auf sie zu und schüttelte beiden die Hand.

Juan sah ihn verblüfft an. „Zu mir? Wieso?“

Michael warf einen Blick auf Gian, der sie neugierig ansah, und sein Blick wanderte wieder zu Juan. „Ich muss Dich unter vier Augen sprechen, geht das?“

Juan und Gian wechselten einen erstaunten Blick. „Ja“, sagte Juan, „Ja, natürlich. Wir können in Christines Büro gehen, sie hat gerade Mittagspause. Entschuldige mich einen Moment, Gian.“

Gian wedelte gelassen mit der Hand. „Kein Problem.“

Sie gingen nebeneinander in das kleine Büro neben der Küche. Michael schloss die Tür und bedeutete Juan, sich auf einen der Besucherstühle zu setzen. Juan setzte sich zögernd. Michaels Miene verhieß nichts Gutes.

„Was ist los? Ist etwas passiert?“

Michael lehnte sich am Schreibtisch an. „Sie ist hier“, sagte er.

Juan runzelte die Stirn. „Wer ist wo?“

„Johanna“, sagte Michael, „sie ist hier in London. Sie hat mich vorhin angerufen.“