Berlin

Kitty küsste Juan mit geschlossenen Augen. Sie versuchte ihre Angst zu verbergen. Vergessen? Wie könnte ich das beste Wochenende meines Lebens vergessen? Werde ich Juan womöglich wieder verlieren?

„Geh“, sagte sie, „Du wirst nass.“

„Du auch“, sagte Juan, als er sich von ihr löste. Regen rann unablässig herab und über Kittys Haare und Gesicht. Juan ging zum Taxi, öffnete die hintere Tür und warf seine Tasche hinein. Juan sah über die Schulter zurück. Kitty stand im T-Shirt im Regen, die Arme um sich gelegt, und schien nicht zu bemerken, dass das Wasser in Strömen an ihr herunterlief.

„Warten Sie“, sagte er zum Fahrer, lief zum Haus zurück und umarmte Kitty, als wolle er sie nie wieder loslassen. Er nahm ihr Gesicht in beide Hände und küsste Tropfen von ihren Wangen und Augen und Lippen und wusste nicht, ob es Regentropfen oder Tränen waren. „Wir werden jeden Tag telefonieren“, sagte er atemlos, „wir werden uns so oft sehen, wie es nur geht. Ich will Dich nicht wieder verlieren. Ich liebe Dich!“

Es war heraus, ehe er darüber nachdenken konnte. Sie starrten sich an. Juan wusste, er hatte ganz sicher nie geliebt – bis jetzt, bis zu diesem Moment.  Kein Liebesschwur in einer leidenschaftlichen Nacht hatte je so viel bedeutet wie diese drei kleinen, hastig und verzweifelt hervorgestoßenen Worte. Juan sah Zweifel in ihren Augen und küsste sie noch einmal ganz sanft. „Ich liebe Dich, Kitty.“

***

Kitty kissed Juan with her eyes closed. She tried to hide her fear. Forget? How could I forget the best weekend of my life? Will I probably lose Juan again?

„Go,“ she said, „you get wet.“

„You too,“ said Juan, as he let her go. Rain trickled down incessantly on Kitty’s hair and face. Juan went to the taxi, opened the back door and threw his bag inside. He looked back over his shoulder. Kitty stood in the rain, only in her T-Shirt,  put her arms around herself, and seemed not to notice that the water was pouring down on her.

„Wait,“ he told the driver, ran back to the house and embraced Kitty, as if he never wanted to let her go. He took her face in his hands and kissed her cheeks and eyes and lips,  not knowing whether the drops he took with his lips were rain or tears. „We’ll talk on the phone every day,“ he said breathlessly, „we’ll see each other as often as we can. I do not want to lose you again. I love you!“

It was out before he could think about it. They stared at each other. Juan knew he had certainly never loved – until now, until this very moment. No vow of love in a passionate night had ever meant as much as these three little words he uttered desperate and hastily. He knew she was the woman of his life, and he loved her with all his heart. Juan saw doubt in her eyes and kissed her again, gently. „I love you, Kitty.“

Nächtliches Telefonat Berlin – Kyoto

Juans Laune sank für einen Moment. Jetzt, wo er wusste, dass sein Bruder am Leben war und dass es ihm gut ging, wollte er natürlich dringend mit ihm sprechen. Und scheute gleichzeitig davor zurück – immerhin war es seine Schuld, dass er jetzt wie ein Einsiedler lebte. Aber er würde nach London kommen, er würde ihn wiedersehen, es ging ihm gut. Das zählte. Er musste nur noch ein wenig Geduld haben.
„Juan?“
„Si, ich bin hier, mi corazon“, sagte er ernst, „und ich kann Dir gar nicht sagen, wie froh ich bin. Ich weiß nicht, wie ich Dir und Karolin jemals danken soll.“
„Das brauchst Du nicht. Ich glaube, ich weiß, wie Dir zumute ist.“
„Gatito, ich möchte Dich in den Arm nehmen, ich möchte Dir zeigen, wie glücklich ich bin, ich vermisse Dich!“
„Juan… Wir hatten doch ausgemacht, dass wir uns nicht ständig sagen, dass wir uns vermissen, sonst wird es noch schlimmer.“
Juan spürte ein Brennen in den Augen. „Ach verdammt, ich kann das nicht, wenn mir das Herz überläuft, ich brauche Dich!“ fluchte er und drückte das Gespräch weg. Er sprang auf und rannte auf und ab. Das Handy klingelte wieder.
„Si?“
„Ich vermisse Dich auch“, sagte Kitty leise, und Juan konnte hören, dass sie lächelte. „Geh schlafen, Juan, wir sprechen morgen wieder. Buenas noches.“
„Buenas noches, te quiero“, sagte Juan.
„Ich liebe Dich auch.“

Im Wald

Karolin hatte nicht damit gerechnet, auf diesem abgelegenen Wanderweg jemandem zu begegnen, aber nach einer halben Stunde kam ihr ein alter Bauer entgegen, der sie freundlich anlächelte.

„Buenos dias“, sagte Karolin und blieb stehen, um aus ihrem Rucksack das Foto herauszusuchen.

„Ah, kommen von Deutschland“, sagte der alte Mann und nickte. „Haben viel sehen, viele Jahre fruher.“

Karolin lächelte. „Sie waren in Deutschland?“

„Haben Arbeit“, sagte der Alte und zählte an seinen Fingern ab, „mussen sein zwanzig Jahre her.“

„Vielleicht können Sie mir helfen“, sagte Karolin und hatte endlich das Foto gefunden.  „Haben  Sie diesen Mann schon einmal gesehen?“ fragte sie auf spanisch, damit der Alte sie auch ja richtig verstand.

„Si, si, si, el doctor,“ sagte der Mann und nickte begeistert.

„Sie kennen ihn?“ fragte Karolin.

„Si“, nickte der Mann wieder, „sehr netter Mann, sehr klug, sehr ruhig.“

Sehr klug? Sehr ruhig? Klang eher nicht nach Juans Zwillingsbruder. „Wo kann ich ihn finden?“

Der Mann zeigte mit seinen rissigen, schmutzigen Fingern in den Wald hinein: „Gleich hinter große Felsen rechts Weg nehmen, viel schmal, aufpassen, nicht vorbeigehen. Dann durch Wald, finden Hütte. Si“, sagte er, lachte über das ganze runzlige Gesicht, lüftete freundlich seinen Strohhut und ging weiter bergab.

Suche

Karolin steckte das Handy weg, trank ihr Wasser aus und suchte in ihrer Hosentasche nach Münzen, um an der Theke zu bezahlen. Auch das Rentnerehepaar am Nebentisch stand gerade auf. Im Vorbeigehen sah der Mann zufällig auf das Foto auf ihrem Tisch, kam näher  und geriet sofort in Rage: „He, Sie sind doch nicht etwa eine Bekannte von diesem Spinner, oder?“
Karolin sah ihn überrascht an. „Kennen Sie diesen Mann?“
Der Rentner nahm das Foto in die Hand und studierte es ausgiebig. „Auf dem Foto hier sieht er ja richtig gut aus. Und er hat keine Brille. Aber sonst – ja, das ist er. Was meinst Du, Lisbeth?“ Er drehte sich zu seiner unscheinbaren Frau herum. Lisbeth nickte.
„Sie haben ihn gesehen??“ fragte Karolin jetzt aufgeregt, ohne auf seinen Kommentar einzugehen, „wann und wo??“
„Allerdings haben wir das!“ entrüstete sich der Rentner jetzt laut. „Wir waren vorgestern auf einer Wandertour da oben im Nationalpark“, er deutete auf die Wipfel des Nebelwaldes, „ich bleib so mitten im Grünen stehen, um zu fotografieren, da kommt dieser Irre plötzlich aus dem Gebüsch gesprungen und schreit mich an, dass ich auf irgendeine Pflanze getreten wäre, und ich soll machen, dass ich wegkomme. Oder so ähnlich – mein Spanisch ist nicht das beste.“ Er nickte bedeutungsvoll, um seine Worte zu unterstreichen. „Ich hab mich ganz schön erschrocken,“ fuhr der Mann fort, „und vor allem: der Park da oben ist überwuchert mit Pflanzen – sich wegen einer so aufzuregen…“ Er schüttelte verärgert den Kopf.
„Warten Sie“, sagte Karolin, stellte ihr leeres Wasserglas auf den Nebentisch, breitete die Wanderkarte aus und strich sie glatt. „Bitte zeigen Sie mir, wo das war.“